Rosa in allen Schattierungen, soweit das Auge blickt – auch in den grossen Städten wie Tokio. Dies ist die Szene im Frühling, die Japaner lieben!

Ich befinde mich gerade mittendrin einer der schönsten Jahreszeiten in Japan. Sehr gerne möchte ich dir die japanische Tradition – HANAMI – vorstellen.

Was ist HANAMI?

Wörtlich übersetzt bedeutet HANAMI „Blüten betrachten“, ist die japanische Tradition, in jedem Frühling mit sogenannten „Kirschblütenfesten“ die Schönheit der in Blüte stehenden Kirschbäume zu feiern. Menschen finden sich unter den blühenden Bäumen zusammen, mit Freunden, der Familie oder den Arbeitskollegen vor Ort. Die Betrachtung der Kirschblüten – bzw. das Picknicken unter Kirschblüten – gehört im Frühling in Japan zum Pflichtprogramm, würde ich so sagen.

Meist bringt man zu den Picknick-Veranstaltungen OBENTO (=Lunch box japanischer Art) und andere Snacks mit, auch viel Alkohol wie Bier und Sake. Am Abend wird Blütenpracht nach Einbruch der Dunkelheit an manchen Orten angestrahlt. Dies lockt ebenfalls viele Menschen an!

In den Medien wird ausführlich berichtet, wann die Blüten anfangen sich zu öffnen und zu ihrem Höhepunkt kommen. Die ersten Prognosen hierzu werden meist schon im Januar bekannt gegeben. Das Vorrücken der sogenannten Kirschblütenfront beschäftigt die japanische Nation – so habe ich es jetzt echt erlebt. Dank des Internets kann ich heute meine HANAMI Tage möglichst gut planen, und die Zeit dafür verbringe ich doch gerne damit – dies liegt ja wohl in meiner japanischen DNA 🙂 

Entwickelt hat sich die Tradition des Blütenbetrachtens bereits in der Nara Zeit (710-794). Schriftliche Aufzeichnungen darüber gibt es aus der Heian-ZEit (794-1185). Ursprünglich wurde HANAMI nur vom kaiserlichen Hof festlich begangen. Erst seit der Edo-Zeit (1600-1687) feiert es auch das normale japanische Volk. HANAMI ist DIE japanische Tradition, den Frühling willkommen zu heissen, die sich bis heute fortgesetzt hat!

 

Warum lieben Japaner HANAMI? Warum hat sich diese Tradition bis heute fortgesetzt?

Hohe Sensibilität der Japanern zu vier Jahreszeiten:

Laut einer Umfrage – „In welcher Moment fühlst du dich glücklich, in Japan als Japaner geboren zu sein?“ – antwortete die zweitgrösste Anzahl von Menschen „In den Momenten, die Schönheit der vier Jahreszeiten zu geniessen“. Vier Jahreszeiten gibt es natürlich nicht nur in Japan. In der Schweiz, in meiner zweiten Heimat, geniesse ich auch wunderschöne vier Jahreszeiten. Es scheint aber so aus, dass Japaner empfindlich für saisonale und natürliche Veränderungen sind und die Sensibilität haben, sie emotional zu erfassen. Diese Eigenschaft erkannt man ja schnell beispielsweise in den japanischen Gärten, in der Tee-Zeremonien und in der japanischen Nationaltracht KIMONO.

 

-Symbolhaftigkeit:

Die japanische Kirsche trägt keine essbaren Früchte und hat besonders viele Blüten.

„Die zarten Blüten, die im ersten lauen Frühlingswetter so wunderbar aufblühen, aber nach kurzer Zeit schon wieder verwelken oder, was häufiger ist, einem Schnee- oder Regenschauer zum Opfer fallen, sind in Japan zu dem Symbol für Vergänglichkeit geworden. Im mittelalterlichen Japan galt die Bereitschaft dazu als heroisches Ideal der Samurai-Krieger. Deren vom Zen-Buddhismus geprägte Philosophie und Kunst betonen die Unbeständigkeit aller Perfektion; aus dieser Ästhetik erwächst der Kult um die rosa Blüten.<aus Wikipedia> „

Die Kirschblüte zeigt nicht nur den Beginn des Frühlings an, sondern ist Ausdruck der japanischen Seele.

 

 

-Das japanische Frühlingswetter:

Zeitlich wird die Kirschblüte auf Japans Hauptinsel meist zwischen Ende März bis Anfang Mai erwartet. Das japanische Frühlingswetter ist genau das Richtige für HANAMI denn die Temperatur ist genau wichtig und es fällt weniger Niederschlag. Noch vor den Kirschbäumen blühen im Februar und März die Pflaume und der Pfirsich, welche ebenfalls zum Betrachten einladen. Dies scheint mir aber wie die Fasnacht in Europa – die Kälte zu treiben, aber es ist noch zu früh, den Frühling draussen zu geniessen.

Das wunderbare Frühlingsklimas ist bestimmt ein der Gründe dafür, dass wir diese wunderschöne Tradition bis heute fortsetzen konnten.

 

-Entwicklung von BENTO:

Ein leckeres Mittagessen zu essen, ist einer der Spass von HANAMI. In Japan gibt es seit langem die Tradition des Mittagessens in Form von BENTO.

Das BENTO ist eine in Japan weit verbreitete Form von Speisen, bei der in einem speziellen Kästchen mehrere Speisen durch Trennwände voneinander getrennt sind. Das Kästchen zusammen mit den Speisen nennt man ebenfalls BENTO. Ausserhalb Japans sind Menschen nicht so daran gewöhnt, kalte Speisen zu sich zu nehmen. Deshalb essen sie beim Picknick Sandwiches und Snacks meistens. Da fehlt aber etwas „festliches“ 🙂  Ein Grund, warum Japaner mit HANAMI Spass haben, ist weil es einen wunderbaren Nebencharakter gibt, der in Japan einzigartig ist – BENTO !

 

-Shintoistische Religion:

Aufgrund der shintoistischen Religion glaubten Japaner an die Existenz von Göttern in den Bäumen, Bergen und Objekten. Kirschbäume sind keine Ausnahme, und Kirschbäume galten lange als Bäume, in denen Gott lebte.

 

Fazit: Was kann ich für mich mitnehmen?

Als ich in Japan lebte, war die Kirschblüte für mich etwas ganz „Normales“. Sie waren etwas, das ich im Frühling mit Sicherheit wieder treffe. So habe ich sie nicht besonders wert geschätzt.

Heute betrachte ich sie anders als früher. Verschiedene Orte in Japan besuche ich, um die Schönheit und Vergänglichkeit der Kirschblüten zu bewundern. Denn ich fühle mich einfach glücklich, die Zeit mit der Kirschblüten zu verbringen. Und die Kirschblüten erinnern mich daran, dass ich in der Fülle lebe. Sie zeigen mir, wie einfach es eigentlich ist, sich glücklich und erfüllt zu fühlen, wenn der Fokus auf die Fülle gerichtet ist. Und dies tun sie ohne Worte, nur mit ihrem Dasein. Vor kurzem habe ich diesen Satz gelesen: „Kirschblüten blühen nicht, um gelobt zu werden. Sie leben nur ihre Leben.“

Ich danke den Kirschbäumen für so viele Erkenntnisse – nur mit ihrem Dasein!